von Peter » 24 Mai 2004, 19:31
Es waren einmal sieben Zwerge,
die lebten hinter den sieben Bergen.
Tag fuer Tag suchten sie im Bergwerk nach Gold. Jeder der
Zwerge war rechtschaffen, fleissig und achtete den Anderen.
Wenn einer von ihnen muede wurde, so ruhte er sich aus,
ohne dass die Anderen erzuernten. Wenn es einem von ihnen
an etwas mangelte, so gaben die Anderen bereitwillig und gerne.
Abends, wenn das Tagewerk geschafft war, assen sie eintraechtig
ihr Brot und gingen zu Bett. Am siebten Tage jedoch ruhten sie.
Doch eines Tages meinte einer von ihnen, dass sie so recht
nicht wuessten, wieviel denn geschafft sei und begann, die
Goldklumpen zu zaehlen, die sie Tag fuer Tag aus dem Bergwerk
schleppten. Und weil er so mit Zaehlen beschaeftigt war,
schufteten die Anderen fuer ihn mit. Bald nahm ihn seine
neue Arbeit derart in Anspruch, dass er nur noch zaehlte
und die Hacke fuer immer beiseite legte.
Nach einer Zeit hob ein Murren an unter den Freunden, die
mit Argwohn auf das Treiben des Siebten schauten. Dieser
erschrak und verteidigte sich, das Zaehlen sei unerlaesslich,
so sie denn wissen wollten, welche Leistung sie vollbracht
hatten und begann, den Anderen in allen Einzelheiten davon
zu erzaehlen. Und weil er nicht erzaehlen konnte, waehrend die
Anderen hackten und haemmerten, so legten sie alle ihre
Schaufeln beiseite und sassen am Tisch zusammen. So entstand
das erste M e e t i n g .
Die anderen Zwerge sahen das feine Papier und die Symbole,
aber schuettelten die Koepfe, weil sie es nicht verstanden.
Es dauerte nicht lange und der C o n t r o l l e r
(denn so nannte er sich fortan!) forderte, die Zwerge,
die da Tagein, Tagaus schufteten, moegen ihm ihre Arbeit
beweisen, in dem sie ihm Zeugnis auf Papier ablegten ueber
die Menge Goldes, die sie mit den Loren aus dem Berg
holten. Und weil er nicht verstehen konnte, warum die
Menge schwankte, so berief er einen unter ihnen, die Anderen
zu fuehren, damit der Lohn recht gleichmaessig ausfiele.
Der Fuehrer nannte sich M a n a g e r und legte seine Schaufel
nieder.
Nach kurzer Zeit arbeiteten also nur noch Fuenf von ihnen,
allerdings mit der Auflage, die Arbeit aller Sieben zu
erbringen. Die Stimmung unter den Zwergen sank, aber was
sollten sie tun? Als der Manager von ihrem Wehklagen hoerte,
dachte er lange und angestrengt nach und erfand die
T e a m a r b e i t . So sollte jeder von ihnen gemaess
seiner Talente nur einen Teil der Arbeit erledigen und sich
spezialisieren. Aber ach! Das Tagewerk wurde nicht
leichter und wenn einer von ihnen krank wurde, wussten die
Anderen weder ein noch aus, weil sie die Arbeit ihres
Naechsten nicht kannten. So entstand der Taylorismus.
Als der Manager sah, dass es schlecht bestellt war um
seine Kollegen, bestellte er einen unter ihnen zum
G r u p p e n f ue h r e r , damit er die Anderen ermutigte. So
musste der Manager nicht mehr sein warmes Kaminfeuer verlassen.
Leider legte auch der Gruppenfuehrer, der nunmehr den
Takt angab, die Schaufel nieder und traf sich mit dem
Manager oefter und oefter zu Meetings. So arbeiteten nur noch Vier.
Die Stimmung sank und damit alsbald die Foerdermenge des
Goldes. Als die Zwerge wuetend an seine Buerotuer traten,
versprach der Manager Abhilfe und organisierte eine
kleine Fahrt mit dem Karren, damit sich die Zwerge
zerstreuten. Damit aber die Menge Goldes nicht nachliess,
fand die Fahrt am Wochenende statt. Und damit die Fahrt
als Geschaeftsreise abgesetzt werden konnte, hielt der
Manager einen langen Vortrag, den er in fremdartige Worte
kleidete, die er von einem anderen Manager gehoert hatte,
der andere Zwerge in einer anderen Mine befehligte.
So wurden die ersten Anglizismen verwendet.
Eines Tages kam es zum offenen Streit. Die Zwerge
warfen ihre kleinen Schaufeln hin und stampften mit
ihren kleinen Fuessen und ballten ihre kleinen Faeuste.
Der Manager erschrak und versprach den Zwergen, neue
Kollegen anzuwerben, die ihnen helfen sollten.
Der Manager nannte das O u t s o u r c i n g .
Also kamen neue Zwerge, die fremd waren und nicht recht
in die kleine Gemeinde passten. Und weil sie anders waren,
musste auch fuer diese ein neuer Fuehrer her, der an den
Manager berichtete. So arbeiteten nur noch Drei von ihnen.
Weil jeder von ihnen auf eine andere Art andere Arbeit
erledigte und weil zwei verschiedene Gruppen von
Arbeitern zwei verschiedene Abteilungen noetig werden
liessen, die sich untereinander nichts mehr schenkten,
begann, unter den strengen Augen des Controllers,
bald ein reger Handel unter ihnen. So wurden die
K o s t e n s t e l l e n geboren. Jeder sah voller
Misstrauen auf die Leistungen des Anderen und hielt
fest, was er besass. So war ein Knurren unter ihnen,
dass staerker und staerker wurde.
Die zwei Zwerge, die noch arbeiteten, erbrachten ihr
Tagewerk mehr schlecht als recht. Als sich die Manager
und der Controller ratlos zeigten, beauftragten sie
schliesslich einen Unternehmensberater. Der strich ohne
die geringste Ahnung hochnaesig durch das Bergwerk und
erklaerte den verdutzten Managern, die Gruende fuer die
schlechte Leistung sei darin zu suchen, das die letzten
Beiden im Bergwerk verbliebenen Zwerge ihre Schaufeln
falsch hielten. Dann kassierte er eine ganze Lore
Gold und verschwand so schnell, wie er erschienen war.
Waehrenddessen stellte der Controller fest, dass die externen
Mitarbeiter mehr Kosten verursachten als Gewinn erbrachten
und ueberdies die Auslastung der internen Zwerge senkte.
Schliesslich entliess er sie. Der Fuehrer, der die externen
Mitarbeiter gefuehrt hatte, wurde zweiter Controller.
So arbeitete nur noch ein letzer Zwerg in den Minen.
Tja, und der lernte in seiner kargen Freizeit, die nur
noch aus muehsam errungenen abgebummelten ueberstunden
bestand, Schneewittchen kennen, die ganz in der Naehe
der Mine ihre Dienste anbot. Dann holte er sich bei
ihr den Siff und verreckte elendig.
Die Firma ging pleite, die Manager und Gruppenfuehrer
und Controller aber fanden sich mit grosszuegigen Summen
gegenseitig ab und verpissten sich, um der Anklage
wegen Untreue zu entgehen, ins Ausland und dieses
deprimierende, aber wahrheitsgetreue Maerchen ist aus.